Der neue Bund

Der neue Bund So spricht der Herr: "Es kommt die Zeit, in der ich mit dem Volk Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließe. Er ist nicht mit dem zu vergleichen, den ich damals mit ihren Vorfahren schloss, als ich sie mit starker Hand aus Ägypten befreite. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war! Der neue Bund mit dem Volk Israel wird ganz anders aussehen: Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. Niemand muss dann den anderen noch belehren, keiner braucht seinem Bruder mehr zu sagen: 'Erkenne doch den Herrn!' Denn alle - vom Kleinsten bis zum Größten - werden erkennen, wer ich bin. Jeremia 31,31-34a

Reformationspredigt zu Markus 2.23-28

Ändert die Schriften - Vertraut den neuen Wegen

Text:
Das Ährenraufen am Sabbat
(Mt 12,1-8; Lk 6,1-5)
(23)Und es begab sich, dass er am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen.
(24)Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?
(25)Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren:
(26)wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren?
(27)Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.
(28)So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.

Liebe Frauen und Männer

Der Sabbat ist für den Menschen da.   Wie es mit dem Sabbat ist, können die meisten von uns im besten Fall vom Hörensagen beurteilen. Wir kennen keinen Sabbat. Aber unser Sonntag, der Auferstehungstag, der Tag des Herrn, ist ein Ruhetag wie der Sabbat. Der Sonntag ist für den Menschen da. Erfahren Sie dies noch so - den Sonntag als Wohltat in ihrem Lebensrhythmus?

Ich will kurz zurückblicken auf die Entstehungsgeschichte eines im Rhythmus von sieben Tagen wiederkehrenden Ruhetages.
Als Israeliten vor mehr als 3000 Jahren aus Ägypten in die Freiheit auswanderten, verordnete ihr Führer, Moses, unter Berufung auf ihren Gott, Jahwe, einen arbeitsfreien Tag, einen Ruhetag, der für alle zur selben Zeit galt, auch für Sklaven und Fremdlinge.   Dieser Ruhetag, der Sabbat, war eine Errungenschaft von grosser sozialer Tragweite, und er ist es bis heute.
Menschen sind als Arbeitskraft nicht beliebig verfügbar. Es gibt einen Tag, an dem der Mensch nicht wirtschaftlichen Interessen unterworfen werden darf.
Die israelitische Priesterschaft hat später diesen Ruhetag direkt auf die Schöpfungsordnung zurückgeführt.   Wie Gott sein Schöpfungswerk vollbracht hat, so soll auch der Mensch sein Leben vollziehen in einem Rhythmus von Arbeit und Ruhe, der nicht nach Belieben verändert werden darf. Menschen brauchen einen Ruhetag, der Gelegenheit bietet, wieder zu sich selber zu kommen und so zu Gott.
Aber offenbar war dieser Ruhetag immer schon gefährdet, so dass man versuchte, den Sabbat unter Androhung der Todesstrafe durchzusetzen. Wer am Sabbat eine Arbeit verrichtete, dessen Seele sollte aus seinen Volksgenossen ausgerottet werden. Wer am Sabbat arbeitete, der sollte sterben.
Auf diesem Hintergrund verstehen wir, dass man begann zu fragen: Was ist Arbeit, was darf am Sabbat getan werden und was nicht?

Vielleicht kennen Sie selber solche Fragen von früher oder sogar noch heute in Bezug auf unseren Sonntag: Darf man am Sonntag Wäsche aufhängen oder Heu einbringen oder Rasen mähen oder ...? Ich weiss nicht, welche Erlebnisse und Fragen Ihnen dazu in den Sinn kommen.

Um den Sabbat wirklich heilig zu halten, definierten die Gesetzeslehrer genau, welche Aktivitäten Arbeit und somit zu unterlassen seien. 39 Hauptarbeiten wurden definiert. In der damaligen Agrargesellschaft gehörten vor allem landwirtschaftliche Arbeiten in diesen Katalog, unter anderen: Pflügen, Ernten, Mahlen, Backen, Spinnen ...

Das Verhalten der gesetzestreuen Pharisäer zur Zeit Jesu ist verständlich. Sie sahen, dass die Jünger Jesu am Sabbat Ähren abrissen, und werteten diese Tätigkeit als Erntearbeit: Sieh dir an, was deine Jünger tun. Das ist nach dem Gesetz am Sabbat verboten.

Jesus wollte sie aus ihrer lebenshindernden Gesetzlichkeit befreien und ihnen mit einer Geschichte aus den heiligen Schriften deutlich machen, dass es bei jedem Gesetz auch Ausnahmen gibt. König David hatte nämlich, als er Hunger hatte zusammen mit seinen Leuten vom geweihten Brot gegessen, welches eigentlich nur Priester hätten essen dürfen.
Anschliessend an diese Geschichte stellte Jesus die Bedeutung des Sabbats grundsätzlich richtig: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.
Der Sabbat wurde nicht geschaffen, damit die Menschen eine Pflicht mehr einzuhalten hätten. Zuerst ist der Mensch da, und der Sabbat ist ein Geschenk, welches dem Wohlergehen des Menschen dienen soll. Es geht um das Wohl der Menschen. Und dort, wo das Wohlergehen durch das Sabbatgebot gefährdet ist, dort darf und soll sich der Mensch darüber hinweg setzen. Der Mensch ist Herr über den Sabbat und hat das Recht zu bestimmen, was am Sabbat getan werden darf.

Zu dieser Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen.

Zu dieser Freiheit gehört der freie Umgang mit überlieferten Gesetzen, Normen und Schriften. Es kann nicht darum gehen, alte Gesetze ohne Einsicht anzuwenden und an alten Traditionen um jeden Preis festzuhalten.
Weisungen und Schriften sollen dem Menschen zur Bewältigung des Lebens dienen. Wenn sie es nicht mehr tun, ist der Mensch frei, sie zu ändern und über alte Grenzen hinaus zu gehen.

Anthony de Mello, ein katholischer Priester, der auch Erfahrungen in anderen Religionen gesammelt hat, hat in seinem Buch "Warum der Vogel singt" Geschichten für das richtige Leben" zusammengestellt. Eine Geschichte knüpft an Jesu Umgang mit dem Sabbatgebot an:

Berichtigt die Heilige Schrift

Ein gelehrter Mann kam einst zu Buddha und sagte:" Was Ihr lehrt, Sir, steht nicht in den Heiligen Schriften."
"Dann fügt Ihr es doch in die Schriften ein", sagte Buddha.
Nach einer verlegenen Pause fuhr der Mann fort: "Darf ich mir die Kühnheit erlauben, Sir, anzudeuten, dass einiges von dem, was Ihr lehrt, den Heiligen Schriften direkt widerspricht?"
"Dann berichtigt die Schriften", sagte Buddha.
Den Vereinten Nationen wurde ein Vorschlag unterbreitet, die Heiligen Bücher aller Religionen der Welt zu überprüfen. Alles, was zu Intoleranz, Grausamkeit oder Fanatismus führen könnte, sollte gestrichen werden. Alles, was irgendwie gegen die Würde und das Wohlergehen der Menschen gerichtet wäre, sollte ausgelassen werden.
Als sich herausstellte, dass Jesus Christus selbst diesen Vorschlag gemacht hatte, stürzten Reporter zu seiner Residenz, um nähere Erläuterungen zu bekommen. Seine Erklärung war einfach und kurz: "Die Heiligen Schriften sind wie der Sabbat für den Menschen gemacht", sagte er, "nicht der Mensch für die Schriften."

Heute ist Reformationssonntag. Reformieren heisst: erneuern, neu gestalten im Sinne von wiederherstellen, von wiederfinden des Wesentlichen, des lebensfördernden Gehalts der heiligen Schriften, der Kirche, der religiösen Formen und Rituale.
Vielleicht sind wir gerade in der reformierten Kirche aufgerufen, über das Prinzip "sola scriptura" hinauszuwachsen, die heiligen Schriften neu zu lesen und anders zu deuten und sie weiterzuschreiben. Und vielleicht wäre es auch sinnvoll, unsere gottesdienstlichen Formen auf dem Hintergrund der reformatorischen Idee des "Priestertums aller Gläubigen" kritisch zu befragen und gegebenenfalls den neuen Verhältnissen anzupassen. Auch dazu gibt es eine passende Geschichte von Antony de Mello:

Die Katze des Gurus
Jeden Abend, wenn der Guru sich zur Andacht niederliess, pflegte die Ashram-Katze herumzustreunen und die Beter abzulenken. Also liess er die Katze während des Abendgottesdienstes anbinden.
Lange nach dem Tode des Gurus wurde die Katze stets während des Abendgottesdienstes angebunden. Und als die Katze schliesslich starb, wurde eine andere Katze in den Ashram gebracht, so dass man sie ordnungsgemäss während des Abendgottesdienstes anbinden konnte.
Jahrhunderte später schrieben die Schüler des Gurus gelehrte Abhandelungen darüber, welch wichtige Rolle eine Katze in jedem ordentlich gestalteten Kult spiele.

Sicher gibt es auch in unseren Gottesdiensten solche Ashramkatzen, und ich denke, es ist nötig, dass wir einander auf solche Ashramkatzen hinweisen und gegebenenfalls auf diese verzichten und neue Formen suchen, die geeignet sind, in die geschenkte Freiheit hinein zu wachsen, uns der göttlichen Kraft und Weisheit und Liebe zu öffnen.

Nicht nur die heiligen Schriften und unsere Gottesdienste sind reformationsbedürftig, sondern immer wieder auch unsere persönlichen Überzeugungen, Glaubenssätze und Prinzipien, wenn sie uns daran hindern, befreit zu leben. Wir hören dazu eine dritte kurze Geschichte von Antony de Mello:

Das Amulett
Der Mensch steht allein und verlassen im Universum. Und er hat viele Ängste.
Eine gute Religion nimmt ihm die Angst, eine schlechte vergrössert sie.
Eine Mutter konnte ihren kleinen Sohn nicht bewegen, rechtzeitig vor Dunkelheit vom Spielen nach Hause zu kommen. Also machte sie ihm Angst: Sie erzählte ihm, auf dem Weg zu ihrem Haus spukten Geister, die herauskämen, sobald die Sonne untergegangen war. Danach hatte sie keine Schwierigkeit mehr, er kam abends rechtzeitig nach Hause.
Aber als der Junge herangewachsen war, hatte er solche Angst vor der Dunkelheit und Geistern, dass er sich weigerte, das Haus nachts zu verlassen. Also gab sie ihm ein Amulett und machte ihm klar, dass die Geister keine Macht hätten, ihm etwas Böses anzutun, solange er es trug.
Nun wagt er sich also in die Dunkelheit hinaus und drückt das Amulett fest an die Brust.
Eine schlechte Religion stärkt seinen Glauben an das Amulett. Eine gute führt ihn zu der Einsicht, dass es keine Geister gibt.

So wie es in der Geschichte von Antony de Mello sichtbar wird, sind gewiss auch bei uns nicht alle Bräuche, Sitten, Überzeugungen, Regeln, die wir aus unserer Herkunftsfamilie, aus der Schule, aus Vereinen, Clubs oder dem Freundeskreis übernommen haben, einem befreiten Leben dienlich. Vielmehr haben sie ihre beschränkte Zeit und wir haben die Freiheit, sie um des Lebens willen neuen Situationen anzupassen, sie auf das Wesentliche hin zu reformieren:

  • Die heiligen Schriften sind wie der Sabbat für den Menschen da, nicht der Mensch für die Schriften.
  • Der Gottesdienst erfüllt seinen Zweck auch ohne angebundene Ashramkatzen.
  • Unsere Amulette dürfen wir ruhig ablegen, wenn wir erkennen, dass es die Geister, vor welchen sie uns schützen sollen, gar nicht gibt.

Wahrscheinlich haben Sie das auch schon erfahren. Es ist gar nicht so einfach Reformationen vorzunehmen und sich reformieren zu lassen. Es gibt Stimmen in uns, die, wie die Pharisäer am Sabbatgebot, ängstlich und um jeden Preis an den alten Vorstellungen, an inneren und äusseren Gesetzen, an der Heiligen Schrift festhalten möchten.
Hoffentlich werden wir es trotzdem wagen über überlieferte Vorstellungen hinaus neue Wege ins Wesentliche zu gehen. Zu dieser Freiheit hat uns Christus befreit.

Gerzensee, 27. Oktober 2001
Hans Schneider

 

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Markus 2.27
vgl. Exodus 20.10
vgl. Genesis 2.3
vgl. Exodus 31.14f
Markus 2.24
vgl. 1. Samuel 21.1-7
Markus 2.27
vgl. Galater 5.1
Anthony de Mello, Warum der Vogel singt - Geschichten für das richtige Leben", Herder, Freiburg, Basel, Wien, vierte Auflage 1984, Seite 40
ebd. Seite 52
ebd. Seite 49